Pflegepersonalmangel

Dank seiner gemeinnützigen Tradition und seiner Partnerschaft mit dem Staat hatte das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) während langer Zeit das Quasimonopol bei der Ausbildung und Förderung von nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen. Dieses Engagement gestaltete sich nicht immer einfach. Der ständige Mangel an diplomierten Krankenschwestern war früher zweifellos eine der schwierigsten Herausforderungen für das SRK.

Gespräch mit Margrit Kaufmann

In einem im Januar 2020 geführten Interview blickt Margrit Kaufmann (-Gisiger) auf die von ihr in den 1960er-Jahren im SRK geleistete Arbeit zur Förderung der nichtmedizinischen Gesundheitsberufe zurück.

Der politischen Untätigkeit entgegenwirken

Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts hatte das SRK im Bereich der Ausbildung von Pflegepersonen eine dominante Stellung inne. Dies aufgrund der Statuten, dieseit 1903 dem SRK die Pflicht auferlegen, der Armee Pflegepersonal zur Verfügung zu stellen. Das SRK nahm sich dieser Angelegenheit an und wirkte so der Untätigkeit der Kantone in diesem Bereich entgegen. Es interpretierte seinen Auftrag extensiv und nahm sich die Freiheit, alle Schulen  anzuerkennen, die garantierten, die angehenden Pflegenden gut auf den ihren Beruf vorzubereiten. Darunter waren sowohl religiöse als auch säkulare Schulen.

Dank seiner konfessionellen und politischen Unabhängigkeit war das SRK dazu privilegiert, eine schweizweit einheitliche Ausbildung zu gewährleisten. Seine Rolle zur Förderung der Gesundheitsberufe wurde schliesslich im Bundesbeschluss vom 13. Juni 1951 anerkannt. Der Beschluss hält fest, dass die Überwachung der Ausbildung in den vom Schweizerischen Roten Kreuz anerkannten Krankenpflegeschulen zu den wichtigsten Aufgaben des SRK gehört.

Eine klare Diagnose

Ab 1945 stellte das SRK einen anhaltenden Mangel an praktizierenden Krankenschwestern fest. Dieser starke Rückgang der Personalbestände war auf zwei Gründe zurückzuführen: Der Nachwuchsmangel der Klöster hatte unweigerlich eine Abnahme an religiösen Krankenschwestern zur Folge. Die Krankenschwestern, die nicht in einer religiösen Institution ausgebildet wurden, stiegen tendenziell sehr früh aus dem Berufsleben aus, im Durchschnitt nach nur fünf Jahren Berufstätigkeit.

Dazu kam, dass das rasante Bevölkerungswachstum und der Bau von grossen Spitälern immer mehr Personal erforderlich machten. Zusätzlich verstärkt wurde das zunehmende Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage durch die Reduktion der wöchentlichen Arbeitszeit für Krankenschwestern von 78 auf 60 Stunden zwischen 1942 und 1952. Dieser soziale Fortschritt machte eine Aufstockung der Personalbestände um 20 Prozent nötig. Herausforderungen stellten sich jedoch nicht nur in quantitativer, sondern auch qualitativer Hinsicht: Um mit dem technologischen Fortschritt in der Medizin Schritt zu halten, brauchte es besser qualifiziertes Personal.

Kein Wundermittel

Angesichts des grossen Personalmangels erstreckten sich die vom SRK ergriffenen Massnahmen über mehrere Jahrzehnte. Zuerst wurde beschlossen, das Prestige des Berufs mit einer Schule in Zürich zu verbessern. Diese Weiterbildung zur Krankenpflege wurde 1950 eröffnet. Die als billige Arbeitskräfte und wegen ihrer Selbstlosigkeit geschätzten Krankenschwestern sollten künftig für ihre fachlichen Kompetenzen anerkannt werden. Dazu mussten jedoch zuerst die alten Vorurteile, zum Verschwinden gebracht werden. Es wurden beträchtliche Mittel eingesetzt, um Bewerberinnen aufzuklären und anzuwerben: Konferenzen, Bücher, Filme, Wanderaustellungen, Auskunftsstellen für Pflegeberufe, usw.*

Neben dieser intensiven Rekrutierungskampagne entwickelte das SRK neue Strategien, wie die Einführung von Kursen für Hauspflege im Jahr 1952 und die Ausbildung von Spitalhelferinnen (heute Pflegehelfer/-innen SRK) sechs Jahre später. Durch seine Bemühungen konnte das SRK den Mangel zwar abschwächen, aber eine Umkehrung der Tendenz erreichte es nicht.

Epilog

Bis Mitte der 1960er-Jahre setzte das SRK hauptsächlich eigene Ressourcen (Spendengelder) für die Finanzierung einer Aufgabe ein, die in anderen Ländern der Staat wahrnahm. Da es eine solche finanzielle Last nicht länger tragen konnte, bat es die Kantone um Hilfe. Als Gegenleistung für ihre immer grössere Unterstützung verlangten die Kantone eine Neudefinition ihrer Beziehung zum SRK und übernahmen schliesslich die Führung im Bereich der Krankenpflege.

Von 1976 bis 2006 zog sich das SRK schrittweise zurück und übertrug die Berufsbildung und seine Kompetenz auf diesem Gebiet an die öffentliche Hand. Es war kein Verzicht, sondern brachte vielmehr die Absicht des SRK zum Ausdruck, sich in neuen, brachliegenden Bereichen zu engagieren und neu zu positionieren. Das SRK ist auch heute noch ein zentraler Gesundheitsakteur in der Schweiz.

Gespräch mit Margrit Kaufmann (-Gisiger), ehemalige Mitarbeiterin SRK, 14.01.2020
Gespräch mit Margrit Kaufmann (-Gisiger), ehemalige Mitarbeiterin SRK, 14.01.2020
"Spital bei Nacht": Film zur Förderung der Pflegeberufe mit Unterstützung des SRK, Condor-Film AG, Zürich, 1970
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