Weihnachten im Krieg: Paris 1943

Aus verschiedenen Gründen konnten die Kinderzüge aus Frankreich in die Schweiz ab November 1942 nicht mehr durchgeführt werden. Viele Schweizerinnen und Schweizer und auch das SRK bedauerten dies sehr. Direkt davon betroffen waren aber v.a. die Menschen in den Kriegsgebieten. Und wie häufig im Krieg verschlimmerte sich die Situation der Kinder am spürbarsten. Nicht nur für Kinder, die nicht mehr in die Schweiz reisen durften, sondern auch für deren Geschwister. Und auch für die Eltern wurde es schwieriger. Denn ein Kind in der Schweiz war auch ein Kind weniger, das von seiner Familie ernährt werden musste. So hatte es vorher auch für die Daheimgebliebenen mehr gegeben.

 

Die Idee der Goûters suisses wird geboren


In dieser schwierigen Situation wandten sich die Leiter der sozialen Dienste in Paris, welche jeweils die Kinder für die Züge ausgewählt hatten, an das SRK:

"Da die Kinder nicht mehr in die Schweiz fahren dürfen – könnte da nicht die Schweiz nach Paris kommen? Könnte man nicht von all den vorzüglichen Nahrungsmitteln, die sie dort bekamen, wenigstens einen Teil nach Frankreich schicken?“


Die Idee fiel bei der SRK-Delegation in Paris und in der SRK-Zentrale in Bern auf fruchtbaren Boden. So entstand die Idee der Goûters suisses, der sogenannte Schweizer Imbiss war geboren. Dabei ging es darum, den besonders bedürftigen Kindern zusätzliche Mahlzeiten abzugeben. In Krippen, Kindergärten und v.a. Schulen wurde den Kindern dreimal in der Woche eine Zusatzmahlzeit angeboten. Es gab z.B.:

• Montag: in Milch gekochter Haferflockenbrei, Brötchen mit Malt-Amic, Konfitüre oder Traubenhonig
• Mittwoch: Gemüsesuppe, Brötchen mit Sardinen
• Freitag: Phoscao oder Ovomaltine in Milch, Käseschnitten, Kompott aus getrockneten Früchten.


Um zu verhindern, dass das verteilte Essen auf den Schwarzmarkt kam, wurde darauf geachtet, dass es vor Ort konsumiert wurde. Anfangs wurde das Essen direkt nach Schulschluss verteilt. Als die Stadtbehörden wegen der Gefahr bei Fliegeralarm die Ansammlung von Kindern ausserhalb der Schulzeit verboten, erlaubten die Schulleitungen die Goûters suisses unmittelbar vor dem offiziellen Schulschluss um 16 Uhr durchzuführen.

 

Goûters de Noël, Paris 1943


In Paris startete die regelmässige Verteilung von Lebensmitteln im Sommer 1943 und wurde bis Ende 1946 weitergeführt. Zahlreiche Freiwillige, darunter rund 200 Personen der Schweizer Kolonie in Paris, halfen mit. So kamen von 1943 bis 1946 allein in der Hauptstadt über 70‘000 Kinder in den Genuss von Zusatzmahlzeiten. Verteilt wurden dabei in Paris über 500 Tonnen Lebensmittel.

 

Trotzdem blieb die Not der Kinder und ihrer Familien gross. Und besonders bewusst wurde der Mangel in der vorweihnächtlichen Zeit und bei den Eltern. Als das Schweizerische Rote Kreuz dies merkte, entschied es sich, den Kindern und ihren Eltern in einem Sondereffort etwas weihnächtliche Stimmung und Freude in den entbehrungsreichen Alltag zu zaubern. An Weihnachten 1943 wurden in 17 Quartieren Paris‘ Weihnachtsfeiern veranstaltet. Dabei wurde nicht nur gegessen und gesungen, sondern die Kinder erhielten auch Pakete mit Bonbons, Gebäck und kleinen Geschenken. Ein Weihnachtsmann verteilte sie und löste damit bei den Mädchen und Knaben Freudengeschrei aus. In einem Brief an ihre Pateneltern in der Schweiz hat die kleine Antoinette ihr Weihnachtserlebnis wie folgt beschrieben:

„Ganz leise und schön herausgeputzt kamen wir bei der Kinderhilfe an, und als wir den Raum betraten – oh Wunder – stand da ein Weihnachtsbaum in voller Pracht, glänzend und funkelnd! Er war voller Kerzen, Spielsachen, Äpfel und Sterne aus Silberfäden. Es war bezaubernd, und unter dem Baum stand die Krippe. Der Raum war mit Laub und was weiss ich noch allem geschmückt. Es war wunderbar!“

 

Hoffnung auch im Krieg


Wie real die Bedrohung durch den Krieg trotz aller Festlichkeit und allem guten Willen der Beteiligten blieb, zeigte sich, als während einer Weihnachtsbescherung Fliegeralarm ausgelöst wurde:

Man musste in aller Hast die zweite Tasse Phoscao hinunterstürzen, im Durcheinander die Spielzeuge und Süssigkeiten in Empfang nehmen und die Schutzräume mit hämmerndem Getrampel der Holzschuhe gewinnen. „Ich erinnere mich, erzählte eine unserer abgeordneten Damen, an diesem Tag ein kleines Mädchen gesehen zu haben, das sein Bilderbuch, welches es gerade empfangen hatte, ans Herz drückte und mit einem lieben Lächeln und vertrauensvollen Blick sagte: ‚so werde ich, während man im Luftschutzkeller eingeschlossen ist, wenigstens etwas zu lesen haben.‘ Eine traurige Weihnachtsaussicht, wenn die Kinder, die so viele tragische Berichte zu hören bekommen haben, sich schon einbilden, unter dem Schutt eingemauert zu werden!“


Auch wenn solch dramatische Ereignisse sicher die krasse Ausnahme darstellen, muss man zugeben, dass gerade die Weihnachtsfeste nur für kurze Zeit von den Schwierigkeiten des Alltages ablenken konnten. Trotzdem waren solche Anlässe für die Betroffenen ein wichtiger Beweis dafür, dass man sie noch nicht vergessen hatte. Sie hielten die Hoffnung auf bessere Zeiten aufrecht und waren eine wichtige moralische Stütze. Und den zahlreichen Helfern führten die glückstrahlenden Kindergesichter die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit eindrücklich vor Augen und motivierten sie immer wieder aufs Neue.

 

 

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