Die Entstehung des Greyerzer Roten Kreuzes

Als Europa während des Ersten Weltkriegs in Chaos und Verwüstung versank, bot die Schweiz den kriegführenden Staaten ihre guten Dienste an. Zunächst übernahm sie die Repatriierung internierter Zivilpersonen und später von Schwerverletzten zwischen Deutschland, Österreich und Frankreich. Später öffnete sie ihre Grenzen für Tausende von Internierten und kranken und verletzten Kriegsgefangenen, die in Hotels und Sanatorien im ganzen Land untergebracht wurden. Ab 1916 hielten sich insgesamt über 65 000 internierte Militärpersonen in der Schweiz auf. Eine dieser Internierungszonen war die Region Greyerz. Diese Begegnung zwischen der hilfsbereiten Bevölkerung und den rekonvaleszenten ausländischen Armeeangehörigen gab den Anstoss zur Gründung der Rotkreuzsektion Greyerz.


Die «Märtyrer der Freiheit» treffen in Bulle ein

Am Mittwoch, 3. Mai 1916 empfing die Stadt Bulle ihr erstes Kontingent von französischen Internierten. Vom Balkon des Rathauses hielt Gemeindepräsident Lucien Despond eine flammende Rede. Wie andernorts in der Westschweiz wurden die Internierten als «Märtyrer der Freiheit» gefeiert. Ihr Empfang wurde als patriotisches Hochamt begangen, bei dem die französisch-schweizerischen Beziehungen mit grossem Pomp zelebriert wurden: Umzug mit verkleideten Kindern, Sinfonieorchester, überschwängliche Ansprache, Überreichung von Blumensträussen und Geschenken sowie ein offizielles Essen.

Am Mittwochmorgen sind die ersten französischen Soldaten eingetroffen, die in unserer Gegend erwartet werden. Sie wurden am Bahnhof von rund 3000 Personen in Empfang genommen. Die Stadt hatte ihr Festgewand angelegt, um diese ruhmvollen Verletzten und Kranken willkommen zu heissen, die ins Greyerzerland kommen, um hier etwas Trost zu schöpfen und Heilung zu suchen. (...) In Bulle kochte die Volksseele vor Begeisterung, weil unsere teuren Gäste für die hehre und heilige Sache der zivilisierten Welt ihr Blut vergossen und ihr Bestes gegeben haben. (...) Nicht verschwiegen werden darf das Wirken der Damen der Stadt; ihre glühende Hingabe für jedes gute Werk, für alles, was Herz, Wohlwollen und Opfergeist erfordert, ist hinlänglich bekannt. Umso glücklicher zeigten sie sich, eine Gelegenheit zu erhalten, ihre Neigung zur Nächstenliebe unter Beweis zu stellen und zugleich unseren ruhmreichen verletzten und kranken Gästen ihre glühende Sympathie zu bekunden. (La Gruyère, 6. Mai 1916)

Später folgten zwei weitere Konvois mit Internierten. Ende 1917 befanden sich 213 französische und belgische Internierte in der Region. Sie wurden in den Ortschaften Bulle, Charmey, Grandvillard, Greyerz, Montbovon, Neirivue, Riaz und La Tour-de-Trême untergebracht.
Die Begeisterung der Bevölkerung für die Internierten löste ein eindrückliches wohltätiges Engagement aus. In der Regionalzeitung La Gruyère erschienen Aufrufe, mit denen an die Grosszügigkeit der Bevölkerung appelliert wurde. In Bulle bildete sich um Cécile Despond, die Frau des Gemeindepräsidenten, eine Gruppe von Damen, die sich selbstlos für die Internierten einsetzten: Sammlung und Verteilung von Spenden, Wäschedienst, Abgabe von Kleidern und unentbehrlichen Bedarfsartikeln.


Aus der Pflege von Kriegsverletzten entsteht das Rote Kreuz

1917 inspizierte der französische General Paul Pau (der 1918 zum Präsidenten des Französischen Roten Kreuzes ernannt wurde) die Internierungsorte in der Schweiz. Als er am 12. Juni in Bulle eintraf, bedankte er sich persönlich bei Cécile Despond, dass sie sich des Schicksals der französischen Internierten «mütterlich» angenommen hatte. Als Dank für ihr humanitäres Engagement wurde ihr die Anerkennungsmedaille des Französischen Roten Kreuzes verliehen. Im Anschluss an diese bewegende Begegnung beschloss Cécile Despond, eine lokale Rotkreuzsektion zu gründen. So entstand am 16. September 1917 das Greyerzer Rote Kreuz. Am 24. März 1918 wurden im Rathaus in Bulle die Statuten verabschiedet und die neun Vorstandsmitglieder gewählt. Das Präsidium übernahm Edouard Glasson, während Cécile Despond zur Sekretärin gewählt wurde (anschliessend stand sie der Sektion von 1921 bis 1936 als Präsidentin vor). General Pau wurde die Ehrenmitgliedschaft verliehen. Im September 1918, als im Land die Spanische Grippe wütete, verliessen die letzten Interniertenkontingente die Region. Mit Unterstützung des Gemeinderats von Bulle eröffnete das Greyerzer Rote Kreuz im Institut Ste-Croix in Bulle ein Lazarett, um Grippekranke zu pflegen. Weniger als ein Jahr nach ihrer Gründung erwies die Sektion der Bevölkerung somit einen grossen Dienst und stellte ihren Nutzen unter Beweis.

 

 

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